Cache leeren

Um Beeinträchtigungen nach dem Update zu vermeiden, empfehlen wir die Browserdaten / den Cache Ihres verwendeten Browsers vollständig zu löschen.

02 - Theoretische Grundlagen - Teil 1

Reiter

Definition

Trotz der immensen Bedeutung dieses Themenbereiches, finden sich nur wenige Definitionen hierzu in der Literatur. Eine häufig verwendete Version lautet wie folgt: 

„Erklärvideos sind eigenproduzierte Filme, in denen erläutert wird, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert bzw. in denen abstrakte Konzepte erklärt werden“ (Wolf 2015, S. 123).

Erklärvideos grenzen sich dementsprechend von Tutorials ab, in denen Handlungen vorgeführt werden, welches im Anschluss von den Betrachtenden nachgeahmt werden sollen (Sterzing et al., 2019). Gemäß der Definition sollen sich Erklärvideos aufgrund ihrer Eigenproduktion von kommerziell produzierten Lehrfilmen unterscheiden, die einen hohen Anspruch an Fehlerfreiheit erheben sowie eine starke Didaktisierung aufweisen (Knaus und Valentin, 2016; Findeisen et al. 2019). Dies trifft auf eine Vielzahl von Videos zu. Wie die Beispiele auf der vorherigen Seite jedoch zeigen, existieren jedoch mittlerweile auch Erklärvideos, die von Verlagen (z.B. Cornelsen) oder Medienunternehmen (z.B. funk) professionell gestaltet werden.

Aufbauend auf Wolf (2015) finden sich weitere Definitionsversuche, die zusätzlich eine Zielstellung miteinschließen und auch weitere Abgrenzungen unternehmen, wie das folgende Beispiel zeigt:

"Erklärvideos sind eigenproduzierte, kurze Filme, in denen Inhalte, Konzepte und Zusammenhänge erklärt werden (Erklärvideos im engeren Sinne) oder Tätigkeiten und Prozesse demonstriert und kommentiert werden (Tutorial), jeweils mit der Intention, beim Betrachter ein Verständnis zu erreichen bzw. einen Lernprozess auszulösen" (Findeisen et al. 2019, S. 18).

Zu den weiteren Kriterien, die mit Erklärvideos in Verbindung gebracht werden, zählen u.a. die folgenden (Schaarschmidt et al. 2016; Findeisen et al. 2019):

  • kurze bis mittellange Filmlänge (bis zu 20 Minuten)
  • Fokus auf einzelne thematische Inhalte
  • kein unbedingter Anspruch auf Vollständigkeit (insbesondere bei Eigenproduktionen)

Hinweis: Insbesondere im Kontext der Mathematikdidaktik existieren als weitere Bezeichnungen "Lernvideos" oder auch "Lehrvideos". 

 

Vorteile von Erklärvideos

Bei den Vorteilen, im Rahmen eines Einsatzes von Erklärvideos thematisiert werden, steht in der Regel die Förderung individueller Lernprozesse im Vordergrund. Diese soll u.a. dadurch ermöglicht werden, dass die Lernenden orts- und zeitunabhängig und in ihrem Lerntempo die Videos anschauen können. Sie können außerdem nach Bedarf die ganzen Videos oder bestimmte Sequenzen wiederholt anschauen. Ferner wird der multimediale Zugang betont, den Videos bieten (Wolf, 2015). Die genauen Gründe für die Lernförderlichkeit von Erklärvideos sind aktuell jedoch noch unklar (Fiorella und Mayer, 2018). 

Beurteilungskriterien

Die im weiteren Verlauf aufgeführten Beurteilungskriterien basieren auf verschiedenen theoretischen Ansätzen. Zu diesen zählen u.a. die cognitive load theory bzw. die cognitve theory of multimedia learning (Mayer, 2014), Lernen am Modell (Bandura 1977; 1986) sowie Ansätze zur Gestaltung konstruktivistischer Lernumgebungen (z.B. Widodo und Duit, 2004; 2005). Es finden sich aber auch Arbeiten, die auf theoretischen Ansätzen zum Erklären basieren. Die verschiedenen Ansätze werden an dieser Stelle nicht vertiefend dargestellt. Für ein weitergehendes Interesse sei auf die aufgeführten Quellen verwiesen.

Einheitliche Systeme zur Beurteilung der Qualität von Erklärvideos existieren bislang nicht (Kulgemeyer, 2018). Vielmehr werden unterschiedliche Kriterien herangezogen, die teilweise auf den oben genannten unterschiedlichen theoretischen Ansätzen beruhen. Allerdings kann diesbezüglich auch die Frage aufgeworfen werden, inwiefern einheitliche Systeme aufgrund fachimmanenter Unterschiedliche überhaupt möglich bzw. zielführend sind.

Nichtfachdidaktische Kriterien

Hier findet sich eine Auswahl von nichtfachdidaktischen Kriterien, die zur Beurteilung herangezogen werden können (aufbauend auf Maniar et al., 2008; Poxleitner und Wetzel, 2014; Ranga, 2017; Poxleitner, 2018). Weitere Auflistungen können gerne angefragt werden.

  • Intro: Intros können sich positiv auf das Interesse sowie die Motivation auswirken und den Einstieg in eine Thematik erleichtern.
  • Persönlicher Touch: Um den Charakter einer Eigenproduktion zu erhöhen, können authentische und laienhaft anmutende Elemente hilfreich sein. Dies kann die affektive Verbindung mit den Personen im Video steigern.
  • Videolänge: Zu kurze oder zu lange Videos können sich negativ auf das Interesse und die Motivation auswirken bzw. stellen Inhalte zu stark verkürzt dar. Längen zwischen 3 und 7 Minuten gelten als angebracht.
  • Hintergrundgeräusche: Überflüssige Geräusche können die kognitive Belastung ungewollt erhöhen und somit die Lerneffektivität senken.
  • Forum, Kommentarfunktion sowie Beantwortung von Rückfragen: Das Bereitstellen einer Austauschmöglichkeit (Forum, Kommentare etc.) dient der Steigerung der Interaktivität eines Videos. Rückfragen oder soziale Lernprozesse werden hierdurch ermöglicht.
  • Ergänzende Instruktionen: Zusätzliche Unterlagen, Informationen oder auch Aufgabenstellungen können zu einem holistischen Verständnis beitragen.

Fachdidaktische Kriterien

Hier findet sich eine Auswahl von fachdidaktischen Kriterien, die zur Beurteilung herangezogen werden können (aufbauend auf Kattmann, 2004; Widodo und Duit 2004; Poxteitner und Wetzel, 2014; Wolf und Kratzer, 2015; Kulgemeyer und Peters, 2016; Kulgemeyer, 2018). Weitere Auflistungen können gerne angefragt werden.

  • Fachliche Korrektheit: Die präsentierten Inhalte müssen fachlich korrekt (ggf. fachlich geklärt [1]) dargestellt werden.
  • Angemessene Komplexität der Inhalte: Die dargestellten Inhalte sollten zu einer spezifischen Jahrgangsstufe passend gewählt und strigend verfolgt werden. 
  • Einsatz adäquater Beispiele/Kontexte: Der Einsatz von bspw. alltäglichen Beispielen oder Kontexten kann die kognitive Aktivierung fördern.
  • Einsatz adäquater Darstellungen: Darstellungen werden zielführend und in angemessener Anzahl eingesetzt. Hierzu zählen auch Mathematisierungen.
  • Einsatz adäquater Modelle und Analogien: Adäquate Modelle sollten zur Erklärung herangezogen werden. Gleiches gilt für den Einsatz von Analogien. Diese dürfen nicht ungewollt alternative Lernendenvorstellungen unterstützen.
  • Adäquater Umgang mit Lernendenvorstellungen bzw. Vorwissen: Lernende sollten zur gezielten Reflexion ihrer eigenen (alternativen) Vorstellungen angeregt werden. Dies kann bspw. durch Aufforderungen zur Externalisierung geschehen. Auch sollten die Videos zu einer konzeptuellen Veränderung in Richtung der wissenschaftlich adäquaten Vorstellungen anregen.
  • Initiierung von Reflexionsprozessen: Den Lernenden sollten zu einer Reflexion ihres aktuellen Wissenstandes und des eventuell stattgefundenen Lernprozesses angeregt werden.
  • Berücksichtigung erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Theorien (Nature of Science): Die Vorläufigkeit und Entwicklung von wissenschaftlichen Erkenntnissen sollte zielführend thematisiert werden. Gleiches gilt für die Rolle von Hypothesen, Beobachtungen, Deutungen, Theorien usw. im Sinne eines naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Auch gesellschaftliche, politische oder ethische Aspekte können angesprochen werden.

Weitere Beurteilungsmöglichkeiten

Abschließend sei darauf verwiesen, dass auf Klickzahlen bzw. die Anzahl Likes und Dislikes kein valider Verlass ist (Wolf und Kulgemeyer, 2016). Die abgegebenen Kommentare (z.B. bei YouTube) können Hinweise auf die Qualität eines Videos geben (Wolf und Kulgemeyer, 2016), aber auch dies ist keine Garantie (s. Beispiel).

Screenshot: https://www.youtube.com/watch?v=78RO4FVP7hs, abgerufen: 19.04.20

Aufgabe

Reflektieren Sie vor dem Hintergrund der hier aufgeführten Kriterien Ihre eigene Auswahl aus den Aufgaben 1 bzw. 2. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede können Sie feststellen? Wie bewerten Sie diese?


[1] Die Fachliche Klärung stellt eine der drei Teilaufgaben der Didaktischen Rekonstruktion dar. Fachliche Inhalte werden hierbei u.a. fachwissenschaftlich, aber auch fachdidaktisch analysiert. Das Ziel ist die Formulierung fachlich geklärter Vorstellungen, die fachlich adäquat und lernförderlich formuliert sind (s. bspw. Reinfried et al., 2009; Gropengießer und Kattmann, 2013).